Manchmal entstehen neue Projekte nicht am Schreibtisch, sondern mitten im Schulalltag.
Seit vielen Jahren arbeite ich als Schulsozialarbeiterin mit Kindern und Jugendlichen. Dabei fällt mir immer wieder etwas auf: Klassen entwickeln sich sehr unterschiedlich.
Es gibt Klassen, die finden schnell zusammen. Die Schülerinnen und Schüler unterstützen sich gegenseitig, lösen Konflikte meist selbst und wachsen zu einer echten Gemeinschaft zusammen.
Und dann gibt es andere Klassen.
Dort entstehen früh Spannungen. Einzelne Kinder werden ausgeschlossen. Konflikte schwelen unter der Oberfläche. In Klassenchats wird geschrieben, was im Unterricht nie ausgesprochen würde. Manchmal wird die Sprache rauer, manchmal ziehen sich Kinder zurück. Häufig merkt man erst spät, dass etwas nicht stimmt.
Genau darüber habe ich in den letzten Monaten intensiv nachgedacht.
Vor einigen Jahren habe ich eine Weiterbildung im Bereich systemisches Konfliktmanagement besucht. Damals habe ich bereits mit diagnostischen Methoden gearbeitet, um Klassengemeinschaften besser zu verstehen. Die Ergebnisse waren oft erstaunlich. Manche Entwicklungen wurden sichtbar, lange bevor sie für Lehrkräfte oder Eltern offensichtlich waren.
Die Idee ließ mich nie ganz los.
Gleichzeitig haben sich die Lebenswelten der Kinder verändert. Klassenchats spielen eine immer größere Rolle. Soziale Medien beeinflussen den Umgang miteinander. Und auch die Sprache in manchen Klassen hat sich verändert.
Während früher vor allem Konflikte im Mittelpunkt standen, stellte sich zunehmend eine andere Frage:
Wie können wir möglichst früh erkennen, was eine Klasse eigentlich braucht?
Nicht jede Klasse braucht dieselben Projekte.
Nicht jede Klasse braucht eine Intervention.
Und nicht jede Klasse hat dieselben Herausforderungen.
Also entstand Schritt für Schritt der Gedanke eines Baukastensystems.
Zunächst wollte ich herausfinden, welche Themen überhaupt wichtig sind. Daraus entwickelten sich vier Bereiche, die heute die Grundlage des Klassenkompasses bilden:
- Sozialklima und Konfliktprävention
- Kommunikation und Sprachkultur
- Digitale Lebenswelt
- Systemische Einzelfallarbeit
Der Name war schnell gefunden. Ein Kompass sagt niemandem, welchen Weg er gehen muss. Er hilft lediglich dabei, den eigenen Standort zu bestimmen und die richtige Richtung zu finden.
Genau das soll der Klassenkompass leisten.
Der Klassenkompass wurde für die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler der Dittes-Oberschule entwickelt. Er verbindet verschiedene Methoden und Erfahrungen aus Fortbildungen, Schulsozialarbeit und Präventionsarbeit zu einem gemeinsamen Konzept. Dabei fließen sowohl systemische Ansätze als auch langjährige Beobachtungen aus dem Schulalltag ein.
Durch Befragungen entsteht zunächst ein Bild der Klasse. Wo liegen Stärken? Wo gibt es Herausforderungen? Welche Themen beschäftigen die Schülerinnen und Schüler?
Erst danach wird entschieden, ob überhaupt Maßnahmen notwendig sind und welche Unterstützung sinnvoll wäre.
Aus dieser Grundidee entstehen verschiedene Projekte und Angebote:
Manchmal geht es um Mobbingprävention.
Manchmal um Sprache und Kommunikation.
Manchmal um Klassenchats und soziale Medien.
Und manchmal braucht ein einzelner Schüler oder eine einzelne Schülerin besondere Unterstützung.
Der Klassenkompass soll deshalb kein weiteres Projekt sein, das über eine Klasse „gestülpt“ wird.
Er soll helfen, genauer hinzuschauen.
Je früher wir Entwicklungen erkennen, desto größer ist die Chance, dass aus kleinen Schwierigkeiten keine großen Probleme werden.
Oder anders gesagt:
Wer seinen Standort kennt, findet leichter den richtigen Weg.
